DCLLSG

Wichtig für die Therapiewahl ist die klinische Fitness, nicht das Alter des CLL-Patienten

Kurzinterview mit Prof. Hallek beim ICML* 2011, Lugano
Quelle: Medical Tribune Onkologie Hämatologie, Nr. 6, Oktober 2011

Was hat sich in der Therapie der CLL in den letzten Jahren verändert?
Hallek: Der größte Fortschritt ist meines Erachtens, dass man durch die Ersttherapie das Überleben von CLL-Patienten beeinflussen kann. Nach den Daten unserer CLL8-Studie kann eine sehr wirksame Induktionstherapie, wie erstmals für die Kombination Fludarabin, Cyclophosphamid und Rituximab (R-FC) gezeigt wurde, sowohl das progressionsfreie als auch das Gesamtüberleben von CLL-Patienten verlängern. Demnach kann die Wahl der Ersttherapie den natürlichen Verlauf der Erkrankung verändern. Dies stellt eine komplette Neuheit in der Therapie der CLL dar. Die Daten der CLL8-Studie wurden von unserer Gruppe erstmals letztes Jahr in The Lancet publiziert.

Für Patienten mit CLL im Rezidiv konnte bisher keine Überlebensverlängerung nachgewiesen werden?
Hallek: Richtig. Die Behandlung mit R-FC oder auch irgendeiner anderen Substanz hat bisher keinen Überlebensvorteil zeigen können. Kombinationsbehandlungen mit Rituximab bringen aber bei den fitten Patienten deutliche Vorteile beim progressionsfreien Überleben.

Welche Patienten profitieren Ihrer Meinung nach besonders von einer Chemoimmuntherapie?
Hallek: Die jungen und die fitten Patienten. Der Standard in der Behandlung der CLL ist derzeit die Dreifach-Kombination aus R-FC. Bei älteren und komorbiden Patienten kann diese Therapie jedoch nicht immer eingesetzt werden. Wichtig ist für die Therapiewahl die klinische Fitness und nicht das Alter. Ein Standard für ältere Patienten mit Komorbiditäten ist zurzeit noch nicht definiert. In Europa wird meist immer noch mit Chlorambucil behandelt. Ob man in jedem Fall einen Antikörper einsetzt, ist bei älteren, weniger fitten Patienten noch offen. Möglicherweise könnte Rituximab in Kombination mit Bendamustin bei diesen Patienten besser wirken. Es gibt auch Studien, die darauf hindeuten, dass Rituximab mit Chlorambucil eine Therapieoption ist.

Sie sprechen die englische Phase-II-Studie an, die Peter Hillmen hier in Lugano* vorstellt?
Hallek: Ja, wir hoffen, dass die Behandlung mit Rituximab und Chlorambucil für die Patienten tatsächlich einen Vorteil bringt, denn letzten Endes sterben die meisten CLL-Patienten, die in Studien mit einer Chlorambucil-Monotherapie behandelt werden an der CLL. Und auch in höherem Alter bleibt die CLL die Haupttodesursache bei den betroffenen Patienten. Wir brauchen wirksamere Therapien und ich erhoffe mir, durch weniger nebenwirkungsreiche und Chemotherapie-ärmere Behandlungen die Krankheit besser kontrollieren zu können.

In London beim EHA-Kongress wurde kürzlich auch eine italienische Studie zur Wirksamkeit von Chlorambucil und Rituximab präsentiert. Wie waren hier die Ergebnisse?
Hallek: In dieser Studie wurde an die Induktionstherapie mit Rituximab und Chlorambucil noch eine Rituximab-Erhaltungstherapie angeschlossen. Erste Daten wurden auch bereits beim ASH vorgestellt. Die Kombination aus Rituximab und Chlorambucil erhöht die Ansprechraten und auch die kompletten Remissionsraten. Ob der Verlauf der Erkrankung dadurch auch bei älteren, weniger fitten Patienten positiv beeinflusst wird, ist noch offen.

Ist man auch in der Therapie der CLL so weit, wie zum Teil bei den Non-Hodgkin-Lymphomen, von einer Chronifizierung durch die Antikörper-Therapie zu sprechen?
Hallek: Das würde ich schon so sehen. Unsere aktuellen Analysen zu den Ansprechraten verschiedener Patientengruppen zeigen, dass alle Patienten, die eine komplette Remission erreichen – das sind etwa 40% oder 45% – ein sehr langes Überleben haben. In diesen Fällen würde ich schon von Chronifizierung sprechen. Einige dieser Patienten brauchen auch nach sechs bis acht Jahren noch keine weitere Behandlung.

Interview: Josef Gulden


* 11th International Conference on Malignant Lymphoma (ICML), Lugano 2011